Trinitatiskirche Erdmannsdorf

Die Erdmannsdorfer Kapelle vor 1834

In römisch-katholischer Zeit war Erdmannsdorf ein vielbesuchter Wallfahrtsort und das älteste Bethaus eine der Hl. Maria geweihte Kapelle. Die Kapelle erhielt 1513 den heute im Schlossberg-Museum in Chemnitz befindlichen geschnitzten Flügelaltar.

Im Jahr 1612 wurde sie zum ersten Male erweitert und wurde zu einer Predigtkirche, denn seit 1545 wirkten in diesem Gotteshaus evangelische Prediger. Sie haben über 15.000 Kinder getauft, rund 3.000 Paare getraut und ca. 13.000 Verstorbene bestattet.

Diese (alte) Kirche wurde 1736 noch einmal um 11 Ellen (ca. 6 Meter) verlängert und in den Jahren bis 1774 mit einer neuen Orgel des Augustusburger Orgelbaumeisters Renckwitz, einer neuen Kanzel und einem neuen Altar ausgestattet. 1830 wurde die Orgelempore für Chor und Kurrende erweitert, dennoch war die Kirche für damalige Verhältnisse zu klein.

Der Kirchenneubau ab 1834

So fasste man 1834 den Beschluss, die Mittel für einen Neubau zu sammeln. Hans Heinrich von Könneritz stellte den Bauplatz unentgeltlich zur Verfügung und die Kirchgemeinde trug mehr als ein Drittel der Baukosten Pfennig für Pfennig zusammen.

Erst 60 Jahre später, nach fast zwei Generationen, war dieses Vorhaben an seinem Ziel: Am Pfingstdienstag, dem 7. Juni 1892, wurde der Grundstein zu unserer Trinitatiskirche gelegt und am Montag, dem 2. Oktober 1893, fand die Kirchweihe statt. Architekt Schramm aus Dresden übergab den Kirchenschlüssel an den damaligen Kirchenpatron Freiherr von Könneritz, dieser reichte ihn an den Superintendenten Michael aus Chemnitz weiter und der wiederum händigte ihn Pfarrer Gebauer aus, nunmehr das Portal zu öffnen.

In seiner Kirchweihpredigt über Psalm 138,2-3 betonte Pfarrer Gebauer: Stätte der Anbetung und des Dankes und des vertrauensvollen Flehens soll dieses Haus sein für alle, die darin ein- und ausgehen.

Die Neugotik und ihr Weg nach Erdmannsdorf

War im Altarraum der alten Kirche altes gotisches Gewölbe erhalten, wurde die neue nunmehr im „neugotischen Baustil“ errichtet.

Verschlungene Pfade führten zu diesem Baustil der „Neugotik“. 1772 rühmte der junge Johann Wolfgang von Goethe die Kunst des Straßburger Münsters als „die einzige wahre, (wie) sie aus inniger, einiger, eigner, selbstständiger Empfindung um sich wirkt“. Als er sich ein halbes Jahrhundert später wieder über deutsche Baukunst äußerte, waren bereits die Bestrebungen im Gange, die dazu führten, dass der Kölner Dom in den Jahren 1842-80 endgültig fertiggestellt wurde.

Die Erfahrungen der Kölner Dombauhütte beeinflussten nun die Ausbildung der Architekten – besonders am Polytechnikum in Hannover, wo Christian Schramm studierte, nach dessen Entwürfen unser Gotteshaus erbaut wurde. Der 1857 in Flensburg geborene Architekt brachte aus seiner norddeutschen Heimat die Anlehnung an die „Backstein-Gotik“ mit. So wurden die meisten seiner Kirchen in dem für ihn typischen Rohziegelbau errichtet (etwa St. Nikolai und St. Michaelis in Chemnitz, Lutherkirche in Limbach-Oberfrohna, Hartmannsdorf u.a.). Unsere Kirche gehört jedoch zu den Ausnahmen: Der Kirchenvorstand konnte einem Rohziegelbau nicht zustimmen.

Die fleißigen Hände beim Kirchenbau

Die Bauarbeiten führte die Chemnitzer Fa. Duderstät aus, wofür der Steinmetzbetrieb Lehnert in Flöha die behauenen Sandsteine lieferte.

Neben dem Zimmermeister Heidrich aus Chemnitz waren der Dachdecker Magnus Wirth und der Dachklempner Robert Lange aus Erdmannsdorf tätig.

Die Schmiedearbeiten führten Robert Felber aus Erdmannsdorf und Adolf Weißbach aus Kunnersdorf aus.

Am Einbau der Bildfenster der Hofglasmalerei Türcke und Schlein aus Zittau war der hiesige Glasermeister Knoblauch beteiligt.

Die Tischlerarbeiten führten die Meister Richter und Thiele aus Flöha-Plaue und Richter von hier aus.

Orgel und Glocken, Holz- und andere Bildwerke sowie Muster und Modelle kamen aus Dresden und München.

Der gesamte Kostenaufwand betrug 143.061,96 Goldmark.

Die Umsetzung der Botschaft Christi und der Neugotik beim Kirchenbau

Die spitzen Bögen und die großen farbigen Fenster sind Elemente, die die Gotik kennzeichnen und sich in unserer Kirche wiederfinden. Die farbigen Fenster verwandeln das natürliche Licht der Außenwelt gleichsam in ein übernatürliches Licht. Die spitzen Bögen (und die hohen Säulen andernorts) sollen unseren Blick emporheben aus unseren Alltagsgedanken zu einer freudigen Gewissheit der Gnade und der Erlösung, zu einer Haltung des Befreitseins von alter Last und Qual, zum Leben aus Gottes Verheißung, wie sie uns die Bilder der Fenster leuchtend vor Augen stellen.

Diese Fensterbilder hat vermutlich Herr Türcke selbst entworfen und der Architekt aus dem Katalog der Firma zusammengestellt. Die Bildfenster im Altarraum geben die Festbotschaften von Weihnachten, Ostern und Pfingsten wieder, freilich nicht so, als wollten sie fotografisch abbilden, was einstmals geschehen ist. Sie sind gleichmäßig aufgebaut. In einem großen Mittelteil wird dargestellt, wie Gott sein Heil in der Welt bewirkte: „Gottes Sohn ist Mensch geborn ... zu Bethlehem im Stall“, „Christus ist auferstanden“ und „Gottes Geist kam mit Feuers Glut zur Erd“ zieren als Inschriften die Bildfenster. Darunter wird jeweils in zwei kleineren Bildern gezeigt, wie dieses Heilsgeschehen in unserer menschlichen Realität erfahrbar wird. Es sind sozusagen Gleichnisse in Bildern von solchen biblischen Erzählungen, bei denen wir selbst Erfahrungen mit Gott machen können.

In der Rosette, die das Fenster krönt, schildert der Künstler die Reaktion bzw. Mitwirkung der Engelwelt auf bzw. in Gottes Handeln. Sind sie über dem Weihnachtsfenster in staunender Anbetung versunken, singen sie in der Rosette über dem Osterfenster den Siegeshymnus des Opferlammes (Offenbarung 5,9f). Die Engel über dem Pfingstfenster gießen Gottes Geist, das Wasser des Lebens, „über die dürstende Erde“. Im Pfingstfenster wird das Kommen des Heiligen Geistes, „der Herr ist und lebendig macht“, mit den Gleichnisbildern aus der Apostelgeschichte wiedergegeben: „Ein mächtiges Rauschen wie ein Sturm“ und „etwas wie Feuer, das sich zerteilte“.

Aber wir erleben diesen Gottesgeist, wie die unteren beiden Bilder zeigen, nicht in esoterischer Ekstase, sondern beim Hören auf Gottes Wort: Jesus ist Gottes Sohn, Sein Wort ist Gottes Wort.

Was das Volk bei Jesu Taufe hörte, gilt – auch für uns heute. Die Gültigkeit seines Wortes erweist sich im Zuspruch der Apostel für jenen Mann, der gelähmt und unfähig, sich selbst zu helfen, vor der Tempeltüre liegt: „Gold und Silber haben wir nicht, doch was wir haben, wollen wir dir geben. Im Namen von Jesus Christus aus Nazareth: Steh auf und geh umher!“ Und sie fassten den Gelähmten bei der Hand und halfen ihm auf.

Wo neues Leben, neuer Mut Raum gewinnt, wirkt Gottes Geist.

Die Geschichte der Kirche vom Weihetag 1893 bis zur Gegenwart

Mehr als 100 Jahre sind seit der Erbauung unserer Kirche ins Land gegangen. Fünf Regierungsformen haben wir erlebt, zwei Kriege erlitten, mehrmals fast beim Nullpunkt angefangen. Die 1893 geweihten Glocken wurden für den Ersten Weltkrieg eingeschmolzen, die 1922 erworbenen wurden ein Opfer des Zweiten Weltkrieges. 1960 erhielt der (bis zur Spitze) 54 Meter hohe Turm sein Geläut von drei Stahlglocken im Es-Dur-Dreiklang.

In den Jahren 1959 bis 1964 wurde die Kirche innen und außen renoviert, und nach langem Warten fand der damalige Plan seine Erfüllung: 1988 wurde eine neue Orgel der Firma Schuster, Zittau, in das originale neugotische Gehäuse eingebaut. Für zwei Manuale und Pedal hat sie 24 Register mit insgesamt 1.600 Pfeifen, deren längste 5,10 Meter misst, während die kürzeste 17,7 Millimeter klingende Länge hat.

Die vom Sturm 1989 beschädigten Fenster des Altarraumes wurden wiederhergestellt durch die Münchener Hofkunstanstalt und Fa. Floßmann aus Chemnitz, ermöglicht durch die großzügige Förderung der Denkmalsbehörden. Zwei Jahre hindurch halfen drei Mitarbeiter in einer ABM, die Kirche und ihr Gelände „auf Vordermann zu bringen“. 1997 wurde der Vorplatz gepflastert. In den Jahren 2017 und 2018 wurden das Portal sowie der komplette Turm saniert. Durch eine großzügige Spende wurde 2023 eine Beleuchtung um die Kirche installiert.

Es ist eine alte Regel, dass jede Generation das ihre beitragen muss zur Erhaltung eines Hauses – diese Regel gilt auch für unser Gotteshaus.

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